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Ein Ticket nach Brasilien

Meine Reise in das Herz Brasiliens, die mich durch die Regenwälder des Amazonas, zu den Stränden von Ipanema bis zu dem Hinterland Bahias führte, glich einer tiefen, spirituellen Pilgerreise mit dem Ziel, den Geist der Samba, der Seele Brasiliens, zu entdecken.

Brasilien hat schon immer meine Fantasie beflügelt. Die Verschmelzung von Nativem und Kultiviertem, von Dschungel und Eleganz, vom wilden Schlagen der Trommeln und eingängigen Jazzmelodien - es gibt auf der ganzen Welt keinen vergleichbaren Ort.

Unbedarft wie jeder andere Tourist, kaufte ich mir ein Ticket nach Rio de Janeiro. Ich spazierte die schneeweißen Strände von Ipanema und Leblon entlang und beobachtete ganze Heerscharen von Bikinischönheiten, die wiederum den Jungen bei ihrem schnellen Spiel mit dem Ball zusahen, den es stets in der Luft zu halten galt. Ich erklomm die Gipfel des El Cristo und des Sugar Loaf Mountain, um den Ausblick auf die ungestüme Wildheit der dortigen Landschaft zu genießen.

Ich tanzte zum Klang des Forro in der verfallenen Altstadt von Lapa. Ich lauschte dem Bossa Nova in der Casa de Bossa und beobachtete die Capoeira-Schüler, wie sie die Straßen hinab Purzelbäume schlugen und dabei die ihnen in den Weg kommenden Autos zum Halten zwangen.

Wir spazierten durch die berühmten Favelas von Cidade de Deus. Dabei wurden wir von einem der Schauspieler aus dem Film City of God begleitet. Und überall, wo wir hinkamen, spürten wir die Leidenschaft der Menschen unterschiedlichster Hautfarbe, deren Stärke tief aus dem Inneren ihrer Seelen kam, aus der Aura eines Lächelns, aus der Weisheit, jede Sekunde des Lebens wirklich zu leben.

Ich fuhr zum Maracanã Fußballstadion, der spirituellen Heimat Brasiliens, wo die Fußball-Nationalmannschaft in ihren heldenhaften goldenen Trikots eine Art utopische Eintracht der verschiedenen Ethnien präsentiert.

Überall tanzen die Menschen. Sogar die Fußballspieler spielen ihr Spiel wie eine Art Tanz, ein Festival von Freiheit und Spontaneität, mit beinahe kindlicher Freude am Leben zu sein.

Ich war in Rio, um das von Harvey Goldsmith produzierte Neujahrskonzert der Black Eyed Peas zu besuchen. Ich erzählte ihm, dass ich eine Reihe von Musikern, Tänzern und Schauspielern suchte, um die Geschichte der Samba auf die Bühne zu bringen. Er stellte mir sehr viele Musiker vor, doch alle empfahlen mir, nach Salvador de Bahia zu gehen, denn dort begann die Geschichte der Samba.

Kaum war ich in Salvador am Flughafen angekommen und hatte den Bambuskorridor passiert, überkam mich eine große Freude. Dies war also Salvador de Bahia, die Stadt, in der die ersten Afrikaner angekommen waren. Bahia hatte es bereits vor der Entstehung Brasiliens gegeben.

Ich ging durch die Straßen von Salvador und kam dabei an einem kleinen Plattenladen vorbei - "Cana Brava Records" - der von einem gewissen Herrn Pardal betrieben wurde. Pardal hatte sein Leben in den Vereinigten Staaten aufgegeben, um es fortan der Musik und der Kultur von Bahia zu widmen. Er stellte mir mit wildem Enthusiasmus die Samba de roda vor. Sie zeichnet sich vor allem durch kraftvolle Schlaginstrumente aus und wurde einst von den Bantus aus Westafrika nach Bahia in die Zuckerrohrplantagen der Neuen Welt gebracht. Ende des 19. Jahrhunderts gelangte die Musik mit den befreiten Sklaven nach Rio de Janeiro, wo sie sich in die Samba verwandelte, Brasiliens wundervolle Nationalmusik. Sie vereint alles von der Samba des Karnevals bis zu Bebel Gilbertos Bossa Nova Songs.

Während wir uns unterhielten, kamen die Musiker der Stadt und stellten uns ihre neusten CDs vor, wobei sich herausstellte, dass Pardal einen zentralen Bezugspunkt für die lokale Musikszene verkörperte. Pardals Plattenladen wurde gleichsam zum Hauptquartier für meine Nachforschungen über die Wurzeln der brasilianischen Musik und der vergessenen Legenden von gestern: Künstler, die nach wie vor die ursprüngliche Musik der "Samba de roda" bewahrten und lebendig hielten. Pardal arrangierte für mich ein Treffen mit Raimundo Sodré, einem 60jährigen Künstler.

Raimundo Sodré hatte Brasiliens größten Hit aus dem Jahr 1980 geschrieben - A Massa (Hunger) - ein Protestlied mit ebenso klugem wie gerissenem Text, das unter den Augen der brasilianischen Diktatur das ganze Land mitriss.

Pardal und ich besuchten den Sertão, das Hinterland Brasiliens, um Bulé Bulé zu treffen, den Barden Bahias. Ein Urgestein der Samba, der sich den nicht-kommerziellen Stilrichtungen verschrieben hat.

Dann traf ich den 85jährigen Riachão. Er begann seine Gesangskarriere bei einem Radiosender in Salvador im Jahre 1944. Es war der zweite Sambaista aus Bahia, der überhaupt jemals in Rio de Janeiro aufgenommen worden ist. All die guten und die schweren Zeiten hindurch ist Riachão stets eine Lichtgestalt geblieben - eine Millionen Watt pure Energie! Ein Künstler mit einer wundervollen Samba mit pointierten Texten, über die man Tränen lachen kann.

Ich merkte schließlich, dass diese Suche nach den Wurzeln von Brasiliens Musik durchaus zu vergleichen war mit Ry Cooders Suche nach den vergessenen Musikern aus Kubas goldenem Zeitalter. Es schien, als stünden wir am Anfang von etwas sehr Bedeutsamen, indem wir die Musiker aus der Vergangenheit neu entdeckten. Doch wäre es nicht wundervoll, gemeinsam mit den mitreißenden jungen Künstlern von heute zu arbeiten?

Den Namen Carlinho Brown kannte ich bereits sehr gut, denn er wurde von meinen kubanischen Musikerfreunden sehr verehrt als einer der profiliertesten und aufregendsten Komponisten des „jungen“ Brasiliens, ein wahrer Pionier des Rhythmus. Brown verbindet einen ausgeprägten Stil musikalischer Verschmelzung von kreativer, genialer und extravaganter Mode mit tiefgründigem sozialem Bewusstsein. Am nächsten Tag traf ich ihn in seinem Haus mit Blick über die Bucht von Saints.

In seiner gastfreundlichen und offenherzigen Art lud er mich sogleich in sein Haus ein. Wie ein Visionär redete er über seine Kultur. Er beschrieb sich selbst als Weltbürger mit Heimatsitz in Candela. Er erklärte, wie die Musik die Nachbarschaft in Candela verändert hätte, was wiederum als Inspiration für den Film "The Miracle of Candela" gedient hat. Während unserer Unterhaltung fiel der Ast eines Baumes krachend neben uns zu Boden. Völlig gelassen erklärte mir Brown, dies würde immer passieren, wenn fruchtbare Treffen stattfänden. An einem einzigen Nachmittag hat er mich aus tiefster Seele beeindruckt.

Seine unglaubliche Karriere mit den Gruppen „Timbalada“ und „Vai quem vem“, hat es ihm ermöglicht, in „seiner“ Favela von Candeal ein soziales Projekt zu verwirklichen, das allgemein als eine Art Wunder angesehen wird.

Er hat eine Musikschule mit Namen Pracatum gegründet. Mit dem Fortschreiten seiner musikalischen Karriere hat er die Nachbarschaft nachhaltig verändert: Mit Hilfe der Musik machte er es den Menschen möglich, ihr Leben neu zu gestalten.

Wir haben die besten Studenten von Pracatum ausgewählt, um gemeinsam mit den alten, legendären Musikern zu arbeiten, um so eine Band von mehreren Generationen für die Show "Born to Samba" auf die Beine zu stellen.

Mit den Tänzern und Capoeiristas aus Candeal und der "National Folkloric Company" aus Bahia haben wir ein einzigartiges Ensemble zusammengestellt, in dem jeder Einzelne für die Samba geboren wurde und lebt.

Toby Gough
(Produzent und Regisseur)



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